Wie entstehen sichere, lebendige, gesunde und nachhaltige Städte?

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Grüne Ortsversammlung über zeitgemäße Stadtplanung.

Vergangenen Montag referierten Johann Struck, Buchhändler und Fahrradkurier sowie Vorstandssprecher Sebastian Dürbeck bei der monatlichen Versammlung der Rosenheimer Grünen darüber, wie sich Städte in lebensfreundliche Orte verwandeln lassen.

Bereits zum dritten Mal wurde Kopenhagen im vergangenen Jahr bei der „Quality of Life Survey“ zur lebenswertesten Stadt der Welt gewählt. Somit drängt sich die dänische Metropole beinahe auf, will man ein Beispiel für gelungene Stadtplanung finden. Sebastian Dürbeck ist davon überzeugt, dass vor allem die Bevorzugung des Radverkehrs bei der Gestaltung des Stadtraums einen wesentlichen Anteil daran habe. Radfahrer haben im Verkehrsaufkommen Kopenhagens einen Anteil von 37 Prozent, Kraftfahrzeuge werden dagegen von nur 27 Prozent der Verkehrsteilnehmer genutzt. Vergleicht man diese Zahlen mit Rosenheim, so erkenne man schnell den gravierenden Unterschied. In der Innstadt bevorzugen mehr als die Hälfte der Einwohner das Auto, Rad und Öffentlicher Personennahverkehr kommen dagegen gerade einmal auf 18 bzw. 6 Prozent. Motorisierte Fahrzeuge dominieren das Verkehrsbild und selbst Orte wie der Ludwigsplatz – eigentlich als „Shared Space“ konzipiert – werden von ihnen letztlich in Geiselhaft genommen. Durch die vollständige Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer und den Verzicht auf Beschilderung sowie Fahrbahnmarkierungen, sollen „Shared Spaces“ lebenswertere und und sichere Straßenräume erzeugen. Beim Ludwigsplatz sei dies jedoch nicht der Fall, „[…] weil eine mühelos erkennbare Fahrbahn den Platz regelrecht zerreißt und so überhaupt kein Gefühl für dessen eigentlichen Sinn entsteht.“, so der Vorstandssprecher.

Stadt mit Potenzial

Stadtraum solle ein Ort der Begegnung und der sozialen Interaktion sein. Hierfür müsse man aber die Menschen aus ihren Häusern und ihren Autos auf die Straße locken, was bei Planungstendenzen zu Gunsten von KFZ-Nutzern – wie es auch in Rosenheim der Fall sei – eher schwierig sein dürfe. Derweil habe diese Stadt einiges an Potenzial, zu einer wirklich fahrrad- und somit bürgerfreundlichen Kommune zu werden, so Johann Struck, man müsse es nur nutzen.

Sebastian Dürbeck führt an, wie sich dies bewerkstelligen ließe und beruft sich dabei auf den dänischen Architekten und Stadtplaner Jan Gehl. Dieser vertritt in seinem Buch „The Good City – Visionen für eine Stadt in Bewegung“ acht Thesen, mit denen menschenfreundliche Lebensräume gestaltet werden können. Eine dieser Thesen lautet schlicht: „Kinder aufs Fahrrad“. Laut Herrn Dürbeck werde ein Autofahrer nicht als solcher geboren, sondern dazu erzogen. Wenn man wiederum bereits im Kindesalter – ab dem dritten oder vierten Lebensjahr und nicht wie bei uns üblich erst ab dem zehnten – an das Radfahren gewöhnt werde, so werde es nicht nur zur Selbstverständlichkeit im weiteren Lebensverlauf, sondern man bewege sich auch von klein auf sicherer durch die Straßen. Wichtig sei dabei aber auch, dass diese nach Gehls „Prinzip 8/80“ so geplant werden, dass sie für einen Achtjähriger wie auch ein Achtzigjähriger ebenso sicher sind, wie für den Rest der Bevölkerung.

Eine weitere These besagt, dass Einwände gegen menschenfreundliche Städte völlig irrational wie auch unbegründet seien, da jedwede Gegenargumentation bisher von Grund auf widerlegt wurde. Auch in Rosenheim wurden bereits Erfahrungen dieser Art gemacht. Als in den 1970ern der Max-Josefs-Platz zur Fußgängerzone umgewandelt werden sollte, regten sich zahlreiche Gegenstimmen. Der damalige Oberbürgermeister Alfred Steinbeißer war beispielsweise der Meinung, dass ein solches Projekt aus verkehrstechnischen Gründen nicht möglich sei und zu einer Verödung des Platzes führen werde. Dies bewahrheitete sich jedoch nicht und der Platz wurde zum lebendigen Herzstück Rosenheims, zur guten Stube der Stadt.

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