Wie Fair ist fairer Handel?

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Grüne Ortsversammlung zum Thema Fair Trade.

Vergangenen Montag referierten bei der monatlichen Versammlung der Rosenheimer Grünen Birgit Jilg, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit der Weltläden in Brannenburg und Rosenheim und Ellen Fischer, Sprecherin der Steuerungsgruppe „Fair-Trade-Stadt Bad Aibling“, über fairen Handel und das Konzept der Fair-Trade-Städte.

Fairer Handel sei eine Handelspartnerschaft, die auf Dialog, Transparenz und Respekt beruht und nach mehr Gerechtigkeit im internationalen Handel strebt, so Birgit Jilg. Seit dem Aufkommen in den 1960er Jahren wolle man dadurch vor allem Hilfe zur Selbsthilfe bieten und so den niedrigen Weltmarktpreisen für Rohstoffe und Nahrungsmittel entgegen wirken, die für die Erzeuger oftmals nicht mal existenzsichernd sind. Aber auch die Bekämpfung illegaler Kinderarbeit und mehr Geschlechtergerechtigkeit stünden im Fokus.

Betroffen seien davon vor allem Länder der südlichen Halbkugel. Sieben Prozent der Handelspartnerschaften deutscher Fair-Handels-Importeure bestehen jedoch mit europäischen Produzenten, die beispielsweise unter mafiösen Strukturen in ihren Heimatländern leiden. Es handle sich somit keinesfalls um ein reines Problem von Schwellen- und Entwicklungsländern.

Den Großteil am Handelsvolumen nimmt mit mehr als einem Drittel fair gehandelter Kaffee ein, gefolgt von Kakao und Schokolade sowie sonstigen Lebensmitteln. Der Anteil fairem Kunsthandwerks sei stark gewachsen, jener fair produzierter und vertriebener Textilien dagegen mit gerade einmal fünf Prozent noch recht gering, so die Referentin.

Fairness kennt Unterschiede

Bei fairem Handel lässt sich zwischen zwei Wegen unterscheiden, die ein unterschiedliches Maß an Gerechtigkeit mit sich bringen. Der durch die gesamte Wertschöpfungskette hundertprozentig faire Vertrieb steht der reinen Produktzertifizierung gegenüber. Während gerecht arbeitende Importorganisationen und Weltläden selbst ihren Standards entsprechen, stehen Zertifikate wie „FAIRTRADE“ allen Unternehmen offen – unabhängig deren sonstiger Handelspolitik.

In jüngster Vergangenheit tat sich dabei eine gewisse Diskrepanz zwischen den Akteuren im fairen Handel auf. Der Importeur GEPA sagte sich beispielsweise vom „FAIRTRADE“-Siegel los, da man sich unter anderem mit dem auf 20 Prozent verringerten Mindestanteil an fair gehandelten Bestandteilen in Mischprodukten nicht zufrieden geben wollte. Stattdessen wurde mit „GEPA fair+“ ein eigenes Zeichen implementiert.

Entwicklungshilfe per Ratsbeschluss

„Fairer Handel ist ein wunderbares Instrument um Eigenständigkeit zu schaffen und auch die Kommunen sollten dabei in die Verantwortung genommen werden. Vor allem, da das öffentliche Beschaffungswesen 260 bis 480 Milliarden Euro pro Jahr ausmachen und 40 bis 60 Prozent dabei auf die Kommunen entfallen.“ Ellen Fischer ist davon überzeugt, dass hier enormes Potenzial schlummert, das andernorts bereits sehr gut genutzt wird. So gibt es weltweit mehr als 1500 Fair-Trade-Städte, 314 davon in Deutschland. Ginge es nach den Grünen, wäre auch Rosenheim Fair-Trade-Stadt geworden, man scheiterte jedoch 2011 am dafür notwendigen Stadtratsbeschluss.

Anders lief es in Bad Aibling, das seit Herbst 2013 diesen Titel tragen darf. Hierfür müssen unter anderem eine, von der Einwohnerzahl abhängige Anzahl an Gastronomiebetrieben und Geschäften Fairtrade-Produkte in ihrem Sortiment führen sowie Kirchen, Vereine und Schulen selbige anbieten bzw. sich anderweitig für fairen Handel einsetzen. In Rosenheim wären dies gerade einmal dreizehn Läden und sieben Gastronomien, die sich hierzu bereiterklären müssten, ergänzt Maria Förg, Vorstandsmitglied im Ortsverein.

Neben der direkten, positiven Auswirkung den der dadurch geförderte Absatz mit sich bringe, sei vor allem der kommunikative und repräsentative Aspekt von Fair-Trade-Städten zu erwähnen, die sich auf die Konsumeigenschaften der Einwohner auswirkt und deren Bewusstsein fördert.

Der Rosenheimer Ortsverband Bündnis 90/Die Grünen bedankt sich bei den Referentinnen für den informativen Vortrag sowie bei allen Anwesenden für die rege Aufmerksamkeit. Alle interessierten Bürgerinnen und Bürger sind am 13.04. um 20:00 Uhr herzlich zur nächsten Ortsversammlung mit dem Thema „Kulturgespräch über Rosenheim“ in den Mailkeller Rosenheim eingeladen.

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